Wilhelmsburgs Jugend rennt
Leichtathletik: Traditionslauf auf der Elbinsel. Insgesamt 889 Teilnehmer sorgen bei der 26. Auflage für eine neue Rekordteilnehmerzahl.
Von Peter Hansaul
Wilhelmsburg - Draußen, am Moorwerder Deich, herrscht selbst an diesem Sonntagmorgen kein Gedränge. Obwohl der Wilhelmsburger Insellauf so viele Wanderer und Läufer wie nie zuvor auf die Insel lockte. Aber dort, bei Kilometer zehn etwa, marschieren kleine Grüppchen mit Nordic-Walking-Stöcken an dem Elbdeich vorbei. Dörte Schröder und Margret Westphal machen kurz Rast an dem kleinen Tisch, auf dem Becher mit Tee und Wasser serviert werden. "Wir kommen aus Travemünde und wandern die 20 Kilometer, um auch mal Wilhelmsburg kennenzulernen", erzählt Dörte Schröder. "Wir sind überrascht, welch ländlich, idyllische Ecken es hier gibt", fügt Margret Westphal hinzu, die in Finkenwerder groß geworden ist. "Die hübschen kleinen Häuschen am Deich, die Gewächshäuser und alten Bauernhöfe, diese schöne Seite von Wilhelmsburg habe ich bis heute nicht gekannt."
Während die beiden Frauen aus Travemünde die letzten zehn Kilometer ihrer Wanderschaft in Angriff nehmen, kommt von hinten ein braungebrannter Mann im grünen Trikot angerannt und ist mit wenigen Schritten an den beiden vorbei. Ralf Haerle heißt der durchtrainierte Läufer, der das 20 Kilometer-Wettrennen rund um Wilhelmsburg dominierte. Bei Kilometer zehn hatte er bereits ein paar hundert Meter Vorsprung. Er siegte am Ende in 1:16,37 Stunden. Schnellste Frau war Kathrin Schroetke mit einer Zeit von 1:26,44 Stunden.
"Allein über 20 Kilometer hatten wir 270 Teilnehmer", vermeldet Reiner Sengstake, inzwischen im sechsten Jahr der Cheforganisator dieses traditionellen Volkslaufes in Wilhelmsburg. "Über zehn Kilometer waren es noch einmal 241 Läufer und mit den Wanderern und Nordic-Walkern, die genau wie die Läufer zwischen fünf, zehn und 20 Kilometer wählen konnten, hatten wir 889 Teilnehmer. Das war in den 26 Jahren, in der unser Insellauf inzwischen gestartet wird, absoluter Rekord. Allein 259 Meldungen mehr als im Vorjahr."
Zu diesem Laufboom in Wilhelmsburg hatte auch die Schule am Stübenhofer Weg beigetragen, die allein 120 Mädchen und Jungen gemeldet hatte. Sie bekam dafür den Wanderpokal für die größte Teilnehmerschar.
Der Lauf für die Kleinsten, drei Runden auf der Aschenbahn um den Sportplatz an der Dratelnstraße, hätten die Veranstalter unter das Motto stellen können: "Wilhelmsburg rennt". Die 220 Mädchen und Jungen, die über die 1200 Meter oder die fünf Kilometer-Strecke mitmachten, kamen fast alle aus Wilhemsburg. Die Schnellste bei den Mädchen war Magdalena Nissen in 7:21 Minuten und bei den Jungen war Felix Jünemann in 5:08 Minuten der Schnellste über 1200 Meter.
Bei den Erwachsenen waren die Inselbewohner absolut in der Minderheit. Denn Wilhelmsburg ist nicht gerade eine Hochburg für Läufer. So ist Organisator Reiner Sengstake, inzwischen pensionierter Eisenbahner, von Hause aus Fußballer. Er war viele Jahre Mitglied bei Einigkeit Wilhelmsburg. Der Eisenbahner-Sportverein hatte den Insellauf 1980 auf der Taufe gehoben. Seit Jahren aber hat der SV Wilhelmsburg das Laufereignis unter seine Obhut genommen. Und die Norddeutsche Affinerie ermöglicht als Hauptsponsor, daß für sieben Euro Startgeld bei den Erwachsenen und fünf Euro für Kinder und Jugendliche jeder Teilnehmer eine Medaille als bleibende Erinnerung behält. Die Medaillen, die sich die Teilnehmer am Insellauf umhängen dürfen, gelten in der Szene als etwas Besonderes. Sie werden jedes Jahr neu geprägt (4,80 Euro pro Stück) und haben überwiegend alte Dampflokomotiven als Motiv. "Sie sind Sammelstücke", sagte Reiner Sengstake stolz. "Viele, die diesmal nicht mitlaufen konnten, wollen wenigstens unsere Medaille haben. Die schicke ich ihnen jetzt nach Hause, sozusagen als speziellen Service vom Wilhelmsburger Insellauf."
erschienen am 11. April 2006 im Hamburger Abendblatt
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